Balsiger, Seibold & Partner

Gastroenterologische Praxis & Crohn-Colitis-Zentrum
Hochhaus Lindenhofspital Bern

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

 

Was sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen?

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen gelegentlich als CED (chronisch entzündliche Darmerkrankungen) oder IBD (inflammatory bowel disease) bezeichnet, sind chronische Erkrankungen des Darmes. Es wird zwischen dem Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa unterschieden. Beide Erkrankungen umfassen eine chronische, schubweise verlaufende Entzündung im Darm. Bei Morbus Crohn kann die Entzündung im gesamten Verdauungstrakt zwischen Mund und After auftreten, während bei Colitis ulcerosa die Entzündung auf den Dickdarm begrenzt bleibt. Diese Erkrankungen können in jedem Lebensalter auftreten. Häufig findet sich jedoch ein erster Schub zwischen dem 18. und dem 30. Lebensjahr, jedoch auch in höherem Alter sind erste Schübe zu sehen. Ca. 2 von 1'000 Einwohnern in der Schweiz sind an einer solchen Erkrankung erkrankt.


Welche Symptome haben Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen?

Bauchschmerzen oder Durchfälle sind die häufigsten Beschwerden bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Blutige Durchfälle finden sich vor allen Dingen bei Patienten mit Colitis ulcerosa. Der Morbus Crohn kann sehr unterschiedliche Symptome aufweisen. Zum Einen können Durchfälle im Vordergrund stehen, zum Anderen aber auch Krämpfe oder Bauchschmerz, die häufig aufgrund von Verengungen im Darm entstanden sind. Viele Patienten leiden unter relativ unspezifischen Zeichen wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Fieber und Gewichtsverlust. Bei einem Teil der Patienten treten Schmerzen im Enddarm auf, die vor allen Dingen vor der Stuhlentleerung besonders heftig sind (sogenannte Tenesmen). Auch Begleiterkrankungen (siehe unten) können Zeichen für das Vorliegen einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung sein.


Welche Begleiterkrankungen können bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen auftreten?

Chronisch entzündliche Darmerkrankungen können nicht nur im Darm sondern auch in andern Organsystemen auftreten. Dieses bezeichnet man als extraintestinale Manifestationen. In diesem Rahmen kann es unterschiedliche Hautveränderungen geben, Entzündungen in den Augen, relativ häufig sind die Gelenke betroffen. In seltenen Fällen kann eine ganze Reihe weiterer Organe durch eine chronisch entzündliche Darmerkrankung angegriffen werden.

Welche Ursachen haben chronisch entzündliche Darmerkrankungen?

Leider ist es bis heute nur teilweise bekannt, wie es zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen kommt. Weltweit beschäftigen sich viele Arbeitsgruppen mit dieser Thematik und erfreulicherweise werden jährlich neue relevante Forschungsergebnisse bekannt. Drei wesentliche Ursachen führen miteinander zum Auftreten von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen: Umweltfaktoren, Veränderungen in der Erbsubstanz und Störungen im Immunsystem. Seit langem ist durch Familienuntersuchungen und Zwillingsforschungsprojekten bekannt, dass Morbus Crohn und Colitis ulcerosa innerhalb von betroffenen Familien häufiger auftreten als in der Normalbevölkerung. Dieses gilt insbesondere für den Morbus Crohn. In zum Teil aktuell noch laufenden Projekten wurde die Erbsubstanz von Hunderten von Patienten analysiert. Dabei konnten über zwanzig Veränderungen in der Erbsubstanz gefunden werden, welche das Auftreten von Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa begünstigen. Es ist darauf hinzuweisen, dass bei Vorliegen einer solchen Veränderung nicht unbedingt eine chronisch entzündliche Darmerkrankung auftreten muss. Aus diesem Grunde ist es aktuell auch nicht sinnvoll, in der täglichen Praxis Analysen des Erbgutes vornehmen zu lassen. Die Veränderungen in der Erbsubstanz führen fast alle zu einer Störung des angeborenen primitiven Immunsystems. Dieses Immunsystem sorgt dafür, dass Bakterien und Pilze rasch abgefangen und vernichtet werden. Dadurch kommen diese Erreger erst gar nicht mit dem spezifischen Immunsystem in Kontakt. Bei Vorliegen eines erblichen Schadens dieses primitiven Immunsystems gelangen Erreger zum spezifischen Immunsystem und es wird dann eine generalisierte Immunreaktion hervorgerufen, die ihrerseits wiederum den Darm schädigen kann. Offensichtlich gelingt es dem Immunsystem dann nicht mehr, die chronische Entzündung zu stoppen. Die Zusammensetzung der Darmflora spielt im Rahmen dieser Entzündungsvorgänge eine wichtige Rolle. Bei den meisten Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen liegt eine überschiessende Immunreaktion gegenüber der eigenen Darmflora vor. Umweltfaktoren beeinflussen dieses System. Interessanterweise hat das Zigarettenrauchen einen speziellen Einfluss auf die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Rauchen führt zu doppelt so häufigen Schüben bei Morbus Crohn als bei Nichtrauchern, während bei der Colitis ulcerosa das Rauchen zu einer Reduktion der Krankheitsaktivität führen kann.

Können chronisch entzündliche Darmerkrankungen durch falsche Ernährung auftreten?

Viele Patienten gehen davon aus, dass ihre chronisch entzündliche Darmerkrankung durch eine falsche Ernährung entstanden ist und versuchen eine Reihe von diätetischen Therapieansätzen. Bis heute gibt es jedoch keinerlei gesicherte Daten, dass Diätfehler chronisch entzündliche Darmerkrankungen auslösen können. Es gibt auch keine Daten, dass durch Diäten eine chronisch entzündliche Darmerkrankung geheilt werden kann. Dennoch gibt es Nahrungsmittel, die die Entzündung im Darm eher reduzieren wie beispielsweise Fischöl oder der Verzehr von Meeresfisch. Der Genuss von viel rotem Fleisch scheint eher häufiger zu Schüben zu führen als der Genuss von weissem Fleisch. Die Durchführung von Elementardiäten (Astronautenkost) kann bei einem Teil der Patienten zu einer Besserung der Symptomatik führen. Aufgrund des Vorliegens von verschiedenen sehr wirksamen Medikamenten wählen wir diesen Therapieansatz jedoch heute nur sehr selten.


Wie kann man feststellen, dass bei mir eine chronisch entzündliche Darmerkrankung vorliegt?

Sollte bei Ihnen ein Verdacht auf chronisch entzündliche Darmerkrankung bestehen, ist ein sehr einfacher Test die Bestimmung von Calprotectin im Stuhl. Ist dieser Wert erhöht, muss von Entzündungen im Darm ausgegangen werden und eine weitere Abklärung mittels Dickdarmspiegelung sollte erfolgen. Die Dickdarmspiegelung selbst wird heute meistens in Sedoanalgesie durchgeführt, d. h. der Patient schläft während der Untersuchung. Die Darmspiegelung erfordert eine gute Reinigung des Darmes mit Abführmitteln. Die Darmspiegelung selbst wird mit dünnen, beweglichen Sonden (Endoskop) durchgeführt, die auf der Spitze eine Videokamera tragen. Somit kann der gesamte Dickdarm und das Ende des Dünndarms untersucht und relevante Abschnitte in Bildern dargestellt werden. Gelegentlich sind weitere Untersuchungen notwendig, beispielsweise die Darstellung des Dünndarms mit Magnet-Resonanz-Tomographie (MRI) oder Videokapsel-Endoskopie. Bei Verdacht auf Befall des oberen Magendarmtraktes muss gelegentlich auch eine Magenspiegelung durchgeführt werden. Hierzu wird beim nüchternen Patienten ebenfalls mittels Endoskop der Magen und Zwölffingerdarm untersucht. Der Vorteil der endoskopischen Verfahren ist, dass durch das Endoskop eine Gewebeprobe mit einer kleinen Zange entnommen werden kann, welche dann mikroskopisch auf Zeichen für chronisch entzündliche Darmerkrankungen untersucht werden kann. Die Diagnose Morbus Crohn und Colitis ulcerosa wird aufgrund der radiologischen, endoskopischen und mikroskopischen Beurteilung in Zusammenschau mit den klinischen Zeichen gestellt. Es gibt auch weitere Marker im Blut wie pANCA, PAB und ASCA, die eine Einordnung in Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa erleichtern. Auch Ultraschalluntersuchungen (Sonographie) können Hinweise auf den Ort und das Ausmass der Entzündung geben.
 

Ist es sinnvoll regelmässig in eine Crohn-Colitis-Sprechstunde zu kommen?

Viele Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen werden von Hausärzten behandelt. Der Vorteil eines spezialisierten Zentrums – wie unserem – ist, dass wir jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben. Insbesondere interessiert uns die Krankheitsentwicklung über die Zeit. Ein wichtiges unserer Ziele ist, dass sie auch im hohen Alter noch über einen funktionierenden Darm verfügen. Aus diesem Grunde sind wir stets bestrebt, die Entzündungsvorgänge in ihrem Darm so effektiv wie möglich zu unterdrücken. Stuhlparameter, wie die Bestimmung von Calprotectin, erlauben es uns auch ohne Endokopie eine präzise Aussage über den Entzündungszustand ihres Darmes zu machen.

 

Spezialproblem bei Morbus Crohn: Fisteln

Fisteln sind feine Kanäle, die meistens vom Darm ausgehen und häufig in der Haut münden. Gelegentlich entleert sich eitriges Sekret beziehungsweise auch Stuhl über Fisteln. Fisteln können leider überall hinziehen, d. h. beispielsweise vom Darm in einen anderen Darmteil, vom Darm in die Scheide, vom Darm in die Harnblase etc. Diese Veränderungen werden zum Teil medikamentös, zum Teil chirurgisch behandelt (siehe unter Chirurgie).